19. Oktober 2017 - Menschen

20 Jahre Einsatz-Nachsorge-Team

Im Interview berichtet Gründungsmitglied BAR Ulrich Böhlick von den Anfängen und der Entwicklung des ENT.

Herr Böhlick, in diesem Jahr feiert das Berliner Einsatz Nachsorge Team sein 20-jähriges Bestehen. Sie waren von Anfang an dabei, wie kam es eigentlich zu der Gründung?

Ich glaube der Einsatz Gradestraße war der Beginn für die Sensibilisierung für dieses Thema. Kurz nach diesem tragischen Ereignis gab es ein Fax von BD Herweg mit der Aufforderung an alle Mitarbeiter der Berliner Feuerwehr: Alle die sich für Stress und Stressbewältigung interessieren, treffen sich am… um… im großen Saal der Feuerwche Mitte.

Mich hat einerseits die Neugier aber auch mein Fürsorgegedanke für meine Kollegen zur Teilnahme bewogen. An diesem ersten Treffen nahmen ca. 150 Mitarbeiter aus allen Ebenen teil. Unterstützt wurde dieser Prozess durch den katholischen Pater Vincens.

Was hat Sie bewogen, in das ENT einzutreten?

Wie schon erwähnt, war es der Fürsorgegedanke, aber auch ein von mir erlebtes Schlüsselereignis als junger Wachabteilungsleiter, wo sich einer meiner Kollegen schwerste Verbrennungen unter meiner Einsatzleitung zugezogen hat. Mit der Verantwortung und der noch geringen Einsatzerfahrung begleiteten mich viele Jahre Schuldgefühle und ich erhoffte mir, Werkzeuge zu bekommen, um in ähnlichen Fällen besser gewappnet zu sein.

Kurz nach der Gründung kam es am 3. Juni 1998  zu dem Bahnunglück in Eschede, bei dem es 101 Verstorbene zu bergen und 88 Schwerverletzte zu versorgen gab. Dieses Unglück galt als Geburtsstunde der Einsatznachsorge in Deutschland. Sie selbst waren mit dem neu gegründeten Berliner ENT vor Ort. Wie würden Sie die Entwicklung der Einsatznachsorge bis heute beurteilen?

Die Einsatznachsorge in Eschede würde ich für mich als die anstrengendste Arbeit und die größte Herausforderung in meiner gesamten Feuerwehrlaufbahn bezeichnen. So schwierig und anstrengend die Arbeit dort auch war, so hatte sie den besten „Trainingseffekt“ für die frisch ausgebildeten ENT Mitarbeiter. Erstmals wurde dieses Thema in den Blickpunkt von Gesellschaft, Politik und Führungsverantwortung gerückt und mit der entsprechenden wissenschaftlichen Begleitung Maßstäbe für die Einsatznachsorge gesetzt. Von diesem Zeitpunkt an, wurde dieses Thema in ganz Deutschland zu einem nicht mehr wegzudenkenden Element der Einsatzorganisationen in Feuerwehr und Rettungsdienst. Es ist heute zu betrachten wie Unfallverhütungsvorschriften oder Standardangebote nach belastenden Ereignissen.

Worin begründet sich Ihre Motivation für die Tätigkeit? Was hat Sie persönlich 20 Jahre lang im ENT gehalten?

In erster Linie sind es die Teammitglieder, die eine enge und oft auch sehr persönliche Beziehung unter „Gleichgesinnten“ für mich darstellte. Außerdem bekommt man für seine geleistete Einsatznachsorgearbeit in aller Regel eine sehr hohe Anerkennung von den Betroffenen, aber auch von Vorgesetzten gab und gibt es Lob und Anerkennung. 

Was ist die Voraussetzung, um im ENT mitzuarbeiten und welche Eigenschaften sollten Interessenten mitbringen?

Ich glaube, man muss die Messlatte gar nicht so hoch legen. Neben Einsatzerfahrung, Liebe zum Beruf, Empathie, Verschwiegenheit und Teamfähigkeit braucht man nur noch eine hohe Einsatzbereitschaft und muss belastbar sein. Ich glaube, sehr viele Feuerwehrkollegen bringen diese Voraussetzungen mit. 

Seit Jahren ist an der BFRA die Prävention fester Bestandteil der Grundausbildung. Zusätzlich werden Fortbildungen für den Umgang nach belastenden Einsätzen angeboten. Welchen Stellenwert hat für Sie dieses Angebot?

Im Rahmen von gesetzlichen Vorschriften hat ein Arbeitgeber für Beschäftigte, die unter besonders hohen psychischen Belastungen stehen, die Pflicht Prävention zu betreiben. Die Berliner Feuerwehr gehört mit Sicherheit dazu. Aus diesem Grund ist es unabdingbar, dieses Thema in der Aus- und Fortbildung zu vermitteln.

Nach den Ereignissen vom Breitscheidplatz hat das Berliner ENT bei der Betreuung der Kollegen Unterstützung von dem ENT Hamburg und Brandenburg erhalten. Wie funktioniert solch eine länderübergreifende Zusammenarbeit?

Eine solche Zusammenarbeit basiert meisten auf Amtshilfeersuchen von anderen Behörden und Organisationen, die entweder zu wenig oder fehlende Ressourcen in der Einsatznachsorge haben. Meine Erfahrung ist: Wenn man um Hilfe bittet, bekommt man sie und umgekehrt funktioniert diese Hilfe genauso.

Im nächsten Jahr gehen Sie nach einem sehr bewegten Feuerwehrleben in den Ruhestand. Was wünschen Sie dem ENT für die Zukunft?

Ich wünsche, dass das Team frisch und jung bleibt, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Thema umsetzt und gut für sich selbst sorgt. Wichtig ist hierbei eine kluge, weitsichtige und motivierende Führung.

Das Interview führte HBM Boris Blank.

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