30. März 2016 - Taktik

Mit FIRE zum Feuer

Feuer in einer Schöneberger Einkaufspassage. Es ist der 6. Februar 2015. Eine Schleifmaschine beim Schuhmacher ist in Brand geraten, die Brandmeldeanlage hat ausgelöst, die Angestellten bekämpfen die Flammen mit Feuerlöschern – vergeblich. Die Passage ist verqualmt und die Sprinkleranlage löst aus. Und das alles nur wenige Meter von der Feuerwache Schöneberg entfernt. Schnell sind die Kräfte von 4400 vor Ort, erhöhen auf Brand 4, evakuieren das Gebäude, kontrollieren und beginnen zu löschen.

Bei Gebäuden wie der Einkaufspassage gibt es Feuerwehrpläne, für über 2000 Gebäude in Berlin gibt es einen solchen Plan. Die Fahrzeugführer der LHF nehmen diese von der Wache mit, die Einsatzleiter auf den ELW haben sie im Fahrzeug: in Papierform, in der Datenbank der ELW-Computer, der noch gestartet werden muss, und seit einigen Monaten digital auf einem handelsüblichen iPad. Die Tablets werden aktuell auf allen C-Dienst- und den beiden B-Dienst-ELW mitgeführt. Die App FIRE ist darauf installiert und kann mehr als nur Feuerwehrpläne anzeigen: Wird ein ELW alarmiert, zeigt FIRE dem Nutzer in einer logischen Reihenfolge die wichtigsten Informationen des Einsatzes an. Was? Wo? Wer? Wann? Details! Kontext! „Wir halten uns an die Fragen, die sich jeder zuerst bei einem Alarm stellt“, erläutert Linnart Bäker die Funktionsweise.

Der 32-jährige ist Oberbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Kreuzberg. „Mit acht Jahren hat mir mein Vater den ersten Rechner hingestellt, seitdem programmiere ich“, erzählt er. Im Frühjahr 2012 ging die erste Version der App als eine Unterstützungssoftware für die Einsatzleiter in den Probebetrieb. Eine Projektgruppe bei IT übernahm die Koordination. FIRE wird inzwischen auf zwei Wegen getestet: auf den ELW in einer großen Version als digitales Führungsmittel für die Einsatzleitdienste und als iPhone-App für Abteilungsleiter, Pressedienst, A-Dienst und Behördenleitung als internes Informationssystem.

Aus der Praxis für die Praxis

„Ich habe mir den Arbeitsablauf der Einsatzleitdienste angeschaut und darauf geachtet, was diese wann brauchen und ob wir ihnen dieses digital zur Verfügung stellen können“, erklärt Bäker seine Überlegungen.

Die Internetverbindung der Tablets wird mit einer LTE-Verbindung sichergestellt. Die iPads sind mit einer Schutzhülle versehen, die eine kontinuierliche Ladung des Akkus in einer Ladeerhaltung im ELW ermöglicht. Gemäß den Lesegewohnheiten werden die Informationen in FIRE von links nach rechts angezeigt. Welches  Einsatzstichwort, an welchem Ort, mit welchen Einsatzkräften, in ihrem jeweiligen Status. Es ist ein digitaler Alarmzettel, der sich in Echtzeit aktualisiert. Danach kann der Anwender sich die Einsatzstelle detaillierter anschauen: Eine Katasterkarte mit Hausnummern bildet die Grundlage, zusätzlich kann in eine Satelliten- oder 3D-Karte gewechselt werden. Die Hydranten werden ebenfalls angezeigt. Die gemeinfreien Karten ermöglichen der App das Fahrzeug zur Einsatzstelle zu navigieren. Die 3D-Karte habe sich besonders bei der Berliner Hinterhofbebauung bewährt. Sollte der Einsatzort einen Feuerwehrplan haben, wird dieser automatisch angezeigt, ebenso wie die der umliegenden Gebäude. Die Echtzeitinformationen kommen über eine Schnittstelle aus dem Einsatzleitrechner. „Es handelt sich dabei um eine Einweg-Kommunikation. Wir können über FIRE nicht zurück kommunizieren.“

Zurück nach Schöneberg. Der C-Dienst 4417 steht vor der Einkaufspassage. Torsten Beißel ist Wachleiter der Feuerwache Schöneberg und fährt rund acht Einsatzleitdienste im Monat. Mit fast 200 Alarmen pro Monat ist 4417 der fleißigste ELW. „Ich liebe diese App. Ich weiß jetzt vieles schon, was ich vorher erst am Einsatzort sehen konnte. Das nimmt mir sehr viel organisatorischen Aufwand ab und bringt mir einen unglaublichen Wissensvorsprung“, erklärt der 44-jährige. Mit der App schaut er sich den Feuerwehrplan des Gebäudes an. „Die Pläne funktionieren auch, sollten wir keine LTE-Verbindung haben.“ Und die Statistik gibt ihm Recht: Bei über 75 % der Einsätze wird die App mindestens einmal von den Einsatzleitern verwendet. Also auch aus diesen Reihen Begeisterung statt Widerstand, selbst nach kurzer Skepsis. „Es ist nicht mehr zeitgemäß, alles auf Papier mitzunehmen. Inzwischen haben wir genug digitale Redundanzen“, verteidigt Beißel die moderne Verwendung der Feuerwehrpläne und ergänzt: „Aktualisierungen habe ich in der App nach einem Update sofort zur Verfügung. Kommen diese nach dem Druck per Hauspost, kann es schon mal Tage dauern, bis sie ausgetauscht sind.“

FIRE ist feuerwehrsicher

Und noch eine Aussage von Torsten Beißel überzeugt: „Wir sind nicht abhängig von dem System. Sollte es nicht funktionieren, können wir immer noch so arbeiten wie vorher.“

Die Anwendung von FIRE ist einfach. „Die App ist selbsterklärend, nach fünf Minuten hat sie jeder Laie verstanden“, verspricht Beißel und Linnart Bäker ergänzt: „Jede wichtige Information ist maximal drei Fingerklicks entfernt und niemand kann durch eine Eingabe etwas kaputtmachen. Die App ist feuerwehrsicher.“

Die Projektgruppe und der Programmierer arbeiten gemäß dem Rapid Prototyping Verfahren. Es sind unterschiedliche Versionen mit unterschiedlichen Möglichkeiten auf den ELW installiert. „Wir holen uns schnell das Feedback der Anwender, entscheiden, was er wirklich braucht und ändern dementsprechend“, verdeutlicht Bäker und setzt nach: „Wir wollen nicht einfach was machen, weil wir es können. In der App soll nur sein, was auch wirklichen Nutzen bringt und sich in der Praxis bewährt.“

Und wo geht es mit der APP hin?

Der Praxistest wurde auf alle C-Dienste ausgedehnt und dauert an. Auf einem ELW wurden für Testzwecke alle papiergestützten Feuerwehrpläne entfernt. Gibt es auch andere Anwendungsorte für FIRE? Linnart Bäker: „Die App ist etwas für eine Großstadt, viele Gebäude auf engem Raum und viele Einsatzkräfte, die zu Einsatzstellen fahren.“ Letztendlich soll FIRE mit digitalen Informationen die Entscheidungen der Einsatzleiter unterstützen.

Beim Feuer in Schöneberg wurde niemand verletzt und der Brand war schnell gelöscht. An dieser Stelle hat FIRE somit zum Erfolg beigetragen.

Johannes Kohlen
Freier Journalist

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare