2002: Sturmtief "Anita"

Der 10. Juli 2002 war, wie die vorangegangenen Tage, ein schwüler Sommertag, doch schienen sich die Hoffnungen auf ein erfrischendes Gewitter auch heute nicht zu erfüllen. Auf dem Zeltplatz der Halbinsel Schwanenwerder vergnügten sich 150 Jugendliche der Jugendfeuerwehr, der THW-Jugend und des Jugend-Rotkreuzes im Rahmen eines sog. Begegnungszeltlagers beim Baden, Spielen und "chillen". Sie sind auch sehcs verschiedenen Bundesländern gekommen um sich in Berlin zu treffen.

Gegen 20 Uhr zieht plötzlich und ohne meteorologische Vorwarnung aus Südwesten über dem Wannsee ein Unwetter auf. Binnen Sekunden verfinstert sich der Himmel und ein Orkan bricht mit bis zu 150 km/h über die Insel herein. Innerhalb nur einer Minute wird das Jugendzeltlager verwüstet. Acht große Bäume mit einem Stammdurchmesser von bis zu einem Meter knicken um und fallen auf die Zeltstadt. Viele Äste brechen ab, Zelte und Ausrüstungsgegenstände werden buchstäblich weggeblasen.

Unter den Jugendlichen bricht Panik aus. Ein 14-jähriger der Jugendfeuerwehr Müggelheim sowie ein 15-jähriger von der JF Frankfurt-Bonames werden von umstürzenden Bäumen tödlich getroffen. Zwölf weitere Jugendliche und zwei Betreuer werden teilweise schwer verletzt. Der Orkan fegt über das gesamte Stadtgebiet und richtet hier immense Schäden an. Sofort wird bei der Feuerwehr der berlinweite Ausnahmezustand ausgerufen.

Die Rettungsarbeiten auf der Insel Schwanenwerder gestalten sich indes extrem schwierig. Die Betreuer versuchen erste Hilfe zu leisten, doch auf den Rettungswagen, der für den Sanitätsdienst bereit stand, fiel ebenfalls ein großer Baum. Auch die einzige Zufahrtsstraße zur Halbinsel ist durch mehrere umgestürzte Bäume völlig blockiert. Die Einsatzkräfte aus der Stadt, die den Jugendlichen zu Hilfe kommen wollen, müssen mühsam durch die großen Kronen der umgestürzten Bäume klettern und dabei Kettensägen, Stromerzeuger, Medizintechnik und anderes Gerät transportieren. Ein Abtransport der Verletzten ist auf diesem Wege unmöglich. Da auch keine Hubschrauber auf der Insel landen können, müssen die Verletzten mit Booten der DLRG, der DRK-Wasserwacht und der Polizei abtranspo

rtiert werden. Auch dies ist schwierig. Die Helfer müssen bis zur Brust ins Wasser waten, um die Krankentragen mit den Verletzten in die Boote hieven zu können. Die anschließende Fahrt über den aufgepeitschten Wannsee bei Sturm und Regen ist für die Verletzten eine Tortur. Ziel ist die am Wasser gelegene Feuerwache Wannsee von wo aus der Weitertransport in Krankenhäuser erfolgen kann. Währenddessen versuchen Einsatzkräfte den Zugang nach Schwanenwerder wieder herzustellen, doch kommen sie nur schwer voran. Selbst schwere Räumtechnik des Bundesgrenzschutzes kann nicht viel ausrichten, erst am nächsten Morgen, kann die Insel wieder mit Kraftfahrzeugen erreicht werden. 

Die Feuerwehr befindet sich mehrere Tage im Ausnahmezustand und muss insgesamt über 3.200 umgestürzte Bäume und 285 lose Bauteile an Gebäuden entfernen. In Reinickendorf wird ein weiterer Mann von einem Baum erschlagen, sodass insgesamt drei Todesopfer nach diesem Unwetter zu beklagen sind. Die Spuren des Sturmtiefs werden noch monatelang das Stadtbild prägen. Der Zeltplatz auf der Insel Schwanenwerder, auf dem ganze Generationen von Berliner Schulkindern ihre Ferien verbrachten, wird bislang nicht wieder für Zeltlager freigegeben.