Branddirektor Gustav Witte (1875-1887)

Ende im Wahn

Der Hauptmann des Eisenbahnregimentes, Gustav Witte übernimmt am 1. Oktober 1875 offiziell die Leitung der Berliner Feuerwehr. Er war zuvor fünf Monate lang von Scabell eingearbeitet worden. Mehr feuerwehrtechnische Vorkenntnisse hatte er nicht. Witte führt sehr bald den Löschzug, bestehend aus Spritze, Wasserwagen und Personenwagen, als taktische Einheit ein. Fortan wird jede Wache mit einem kompletten Löschzug ausgestattet, sodass sie autark, unter Leitung eines Zugführers eine wirkungsvolle Brandbekämpfung einleiten kann. Unter Scabell waren diese Fahrzeuge auf verschiedene Depots verteilt und trafen erst an der Einsatzstelle zusammen. Erst dann konnten sie mit der Brandbekämpfung beginnen. 

Erfindung der „Hilfsfrist“

Witte stellt auch detaillierte Überlegungen zur optimierten Verteilung der Feuerwachen im Stadtgebiet an. Dabei definiert er erstmals das, was wir heute als „Hilfsfrist“ bezeichnen und stellt fest, dass die Feuerwehr innerhalb von zehn Minuten nach Brandausbruch vor Ort sein müsse, um den Brand noch ohne größere Schäden löschen zu können. Um dieses Ziel zu erreichen, fordert er den Bau von acht zusätzlichen Wachen. Witte verfolgt auch einen Ausbau des Hydrantennetzes. Und zwar sowohl was deren Anzahl angeht, als auch dessen Leistungsfähigkeit. Es gibt nun alle 300 m einen Hydranten, die einen Durchfluss von 75 mm haben anstatt bisher 45 mm. Witte benötigt eine leistungsfähige Wasserversorgung, denn er strebt den konsequenten Einsatz von Dampfspritzen an. Da ihn jedoch die bisher auf dem Markt erhältlichen Dampfspritzen (vorwiegend aus England) nicht zufriedenstellen, macht er sich selbst an die konstruktive Verbesserung und gewinnt deutsche Hersteller für deren Bau.

In der rasant wachsenden Großstadt Berlin werden die baulichen Begebenheiten zu einem immer größeren Problem. Witte gelingt es, ein Mitspracherecht der Feuerwehr bei baupolizeilichen Genehmigungsverfahren durchzusetzen. Witte beginnt auch, die noch neuartigen Drehleitern einzuführen, an deren Konstruktion er aktiv mitwirkt. So entwickelt er das teleskopartige Ausziehen der Leiterteile. 1887 wird bei Witte eine unheilbare Geisteskrankheit diagnostiziert. Mit Ablauf des Jahres wird er pensioniert und verstirbt ein halbes Jahr später in einer Nervenheilanstalt.