Landesbranddirektor (West) Kurt-Werner Seidel (1970-1988)

Der „Insulaner“

Als der Diplom-Physiker Kurt-Werner Seidel am 1. Dezember 1970 die Leitung der Berliner Feuerwehr übernimmt, wird damit ein kleiner Kulturwandel eingeleitet. Er ist jung, intelligent und eloquent und so gibt er der Berliner Feuerwehr ein neues, zivileres Gesicht. Der Begriff „Networking“ ist Anfang der 1970er noch weitgehend unbekannt, doch Seidel beherrscht diese Kunst vortrefflich. Er baut in seinem Direktionsstab eine Pressestelle auf und lässt seine Pressesprecher auch zu spektakulären Einsätzen fahren. Er pflegt beste Kontakte zu politischen Kreisen und Medienvertretern. Dazu lässt er auch einmal jährlich auf der Feuerwache Wannsee ein großes Sommerfest, das „Kontaktfeuer“ veranstalten. Die Öffnung der Feuerwehr nach außen ist wichtig, denn Seidel hat erkannt, dass die Haushaltslage des Landes Berlins nicht rosiger wird und, dass in der Gesellschaft auch ein Wandel stattgefunden hat: Als Teil der „Staatsmacht“ wird die Feuerwehr nun immer öfter auch kritisch in Frage gestellt.

West-Berlin richtet sich ein

Inhaltlich strebt Seidel die weitere Modernisierung der größten deutschen Feuerwehr an. Knapp zehn Jahre nach dem Mauerbau ist nun auch den meisten Menschen klar, dass ein Fall der Mauer und eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sind. Man richtete sich also ein in der Insellage. In Zeiten knapper Kassen fördert Seidel die Freiwilligen Feuerwehren und gründet erstmals auch solche Wehren auf Berufsfeuerwachen, wo sie als Einsatzreserve der Berufsfeuerwehren bei wetterbedingten Ausnahmezuständen, Großeinsätzen oder Katastrophen fungieren.

Besonderes Augenmerk richtet Seidel auf den Rettungsdienst. Auf diesem Gebiet hat sich in den vergangenen Jahren überall viel getan. Längst hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es bei medizinischen Notfällen besser ist, den Patienten vor Ort erst einmal zu versorgen, anstatt ihn „auf Biegen und Brechen“ möglichst schnell in ein Krankenhaus zu transportieren. So werden in Berlin ab 1972 die ersten, umfangreich ausgestatteten Rettungswagen beschafft und die Ausbildung der „Samariter“ verbessert. 1974 kann Seidel auch den ersten Notarztwagen (NAW) der Öffentlichkeit vorstellen. Trotz großer finanzieller Schwierigkeiten gelingt es ihm, bis 1986 mit insgesamt sieben NAW-Standorten das ganze West-Berliner Stadtgebiet notärztlich zu versorgen. Im Jahre 1987 kommt dann auch noch ein Rettungshubschrauber des ADAC hinzu. Bundesweite Vorreiterrolle nimmt die Berliner Feuerwehr in der Frühdefibrillation ein. Das Defibrillieren von Patienten mit Herzkammerflimmern ist in den 1980er Jahren eigentlich nur Ärzten vorbehalten. Daher ist die Frühdefibrillation durch „Rettungssanitäter“ in der Bundesrepublik Deutschland zu diesem Zeitpunkt rechtlich gar nicht möglich, obwohl es mittlerweile halbautomatische Defibrillator-Geräte gibt, die eine Schädigung des Notfallpatienten durch falsches Defibrillieren fast unmöglich machen. In Berlin (West), das unter alliiertem Status steht und in dem die bundesdeutschen Gesetze nur bedingt gelten, führt die Feuerwehr ab 1985 einen Modellversuch zur Frühdefibrillation durch. Aufgund des großen Erfolges wird die Frühdefibrillation 1988 auf ganz West-Berlin ausgeweitet.

Die Elektronik kommt

Als Physiker hat Seidel die Potenziale der noch neuen elektronischen Datenverarbeitung erkannt und will sie für die Feuerwehr nutzbar machen. Dazu braucht er fähige Kräfte. Unter den zahlreichen Brandreferendaren bundesdeutscher Feuerwehren, die in Berlin Ausbildungsabschnitte absolvieren, schaut er stets nach guten Leuten und kann sie oft genug davon überzeugen, in der „Frontstadt“ zu bleiben. Zwei von ihnen werden später einmal die Berliner Feuerwehr leiten. 1985 kann er in der Feuerwehrleitstelle den ersten Leitstellenrechner in Betrieb nehmen: Mit FIS I (Feuerwehr-Informationssystem) kann nun bei Notrufaufnahme die Ermittlung der nächstliegenden Feuerwachen und der erforderlichen Fahrzeuge elektronisch erfolgen. Fahrzeugdisponierung, Alarmierung und Führung über Funk erfolgen aber weiter manuell.

Auch im Fahrzeugbereich tut sich einiges unter Seidels Einfluss. Immer deutlicher wird, dass die feuerwehrtechnische Beladung der Norm-LF 16, die nicht einmal über einen Stromerzeuger verfügen, längst nicht mehr den Anforderungen an eine immer komplexer werdende technische Hilfeleistung entspricht. Am Ende einer Vielzahl von Experimenten und Erprobungen steht Mitte der 1980er Jahre der neue Berliner Löschzug, bestehend aus zwei gleichartigen Lösch-Hilfeleistungsfahrzeugen sowie einer Drehleiter mit Korb. Besonderer Wert wird auch auf eine niedrige Bauart der Fahrzeuge gelegt, weil es immer wieder zu Problemen bei Einsätzen in den typischen Berliner Hinterhöfen kommt.

Sein engagierter Einsatz für die Berliner Feuerwehr hat für Seidel einen hohen Preis. Aufgrund eines Herzleidens muss er sich 1988 frühpensionieren lassen. Wenige Wochen später stirbt er im Alter von 59 Jahren.