Mit einem Abschlusssymposium des Forschungsprojekts SAGRE, das heute im Großen Saal der Berliner Feuerwehr im Dienstgebäude Mitte stattfand, wurden die Erkenntnisse zum Themenfeld Gewalt gegen nichtpolizeiliche Einsatzkräfte sowie die daraus entwickelten Handlungsempfehlungen einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Die Ergebnisse vereinen wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen und sollen dazu beitragen, den Schutz von Rettungs- und Einsatzkräften langfristig zu verbessern.
In den vergangenen zwei Jahren hat sich das Forschungsprojekt der Berliner Feuerwehr, Stab Forschungsprojekte, in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement, sowie dem Bayerischen Roten Kreuz, Landesgeschäftsstelle München, aus verschiedenen Blickwinkeln mit den Hintergründen und Auswirkungen von Aggression und Gewalt gegen Rettungs- und Einsatzkräfte beschäftigt.
Im Rahmen des Abschlusssymposiums, das durch den ständigen Vertreter des Landesbranddirektors der Berliner Feuerwehr, Per Kleist, eröffnet wurde, präsentierten die Projektbeteiligten ihre gesammelten Erkenntnisse und neu entwickelten Handlungsempfehlungen. Zu den Teilnehmenden gehörten Expertinnen und Experten verschiedener Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) sowie aus Verwaltungen und Forschungseinrichtungen. Ziel des Projekts ist es, den Schutz von Rettungs- und Einsatzkräften zu verbessern und die Handlungsfähigkeit der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehren sowie der Hilfsorganisationen langfristig zu stärken.
Die Leiterin des Forschungsbereichs der Berliner Feuerwehr, Dr. Rebecca Prell, stellte die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Betroffenen vor. Prof. Dr. Daniela Hunold, Professorin für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, erläuterte anhand qualitativ erhobener Daten die strukturellen Hintergründe und situativen Dynamiken, die zu Gewalt gegen Einsatzkräfte führen können.
Michaela Selzer, Projektleiterin in der Forschungsabteilung des Bayerischen Roten Kreuzes, hob ein zentrales Ergebnis des Forschungsvorhabens hervor: Im Rahmen des Projekts wurde eine Vielzahl datenbasierter Handlungsempfehlungen entwickelt, die den betroffenen Organisationen, Einsatz- und Führungskräften sowie weiteren relevanten Behörden und politischen Institutionen frei zur Verfügung stehen. Durch die umfassende 360-Grad-Betrachtung des Themenfeldes konnten zudem systematisch weitere Forschungsbedarfe identifiziert werden.
Ergänzt wurden die Ergebnispräsentationen durch Fachvorträge aus Forschung und Praxis. Prof. Dr. Oberwittler beleuchtete Hintergründe aus der sozialräumlichen Kriminalitäts- und Jugendforschung und ging dabei insbesondere auf die aktuellen Bedingungen der gesellschaftlichen Integration von Jugendlichen ein. Christian-Marc Hans, Kiezbeauftragter der Berliner Feuerwehr, stellte die gewaltpräventiven Kiezprojekte vor. Im Rahmen dieser Strategie suchen Einsatzkräfte der Berliner Feuerwehr gezielt den direkten Austausch mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den Berliner Kiezen, um gegenseitiges Verständnis zu fördern und Konflikten frühzeitig entgegenzuwirken.
Zentrale Erkenntnisse des Forschungsprojekts
Zu den wesentlichen Erkenntnissen gehört, dass Einsatzkräfte in Deutschland teilweise eine sehr unterschiedliche Auffassung davon haben, was unter Gewalt zu verstehen ist. Dieses weicht mitunter von der juristischen Definition und damit auch von der strafrechtlichen Verfolgbarkeit entsprechender Vorfälle ab.
Am häufigsten erleben Einsatzkräfte verbale Anfeindungen, Sachbeschädigungen oder Behinderungen ihrer Arbeit, beispielsweise durch andere Verkehrsteilnehmende. Kollektive und zielgerichtete Gewalt, wie sie sich etwa in der Silvesternacht 2022/2023 in Berlin ereignete, stellt hingegen ein Ausnahmeereignis dar. Dies steht teilweise im Gegensatz zur wiederkehrenden medialen Darstellung des Phänomens.
Eine weitere Erkenntnis betrifft die Meldung und Dokumentation von Gewaltvorfällen. Bestehende Meldesysteme werden von den Beschäftigten häufig nicht genutzt, da viele Einsatzkräfte den Eindruck haben, dass entsprechende Meldungen keine Konsequenzen nach sich ziehen. Administrative Hürden und fehlendes juristisches Wissen stellen zusätzliche Hindernisse dar. In der Folge liegen den Organisationen bislang kaum belastbare und miteinander vergleichbare Zahlen zu Gewaltvorfällen vor.
Die Forschungsergebnisse verdeutlichen zudem, dass Gewalt gegen Einsatzkräfte der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr und des Rettungsdienstes auf unterschiedliche Einflussfaktoren zurückzuführen ist. Diese lassen sich insbesondere gesellschaftlichen, organisationalen und situativen Bedingungen zuordnen.
Hintergründe und weitere Veröffentlichungen
SAGRE steht für „Schutz vor Aggression und Gewalt für Rettungs- und Einsatzkräfte der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr“. Das Forschungsprojekt wird im Zuge der Bekanntmachung „Anwender – Innovativ: Forschung für die zivile Sicherheit II“ im Rahmen des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit 2018 bis 2023“ der Bundesregierung gefördert.
Weitere Informationen zum Projekt sowie die bereits veröffentlichten Ergebnisse und Handlungsempfehlungen stehen unter www.projekt-sagre.de zur Verfügung.
Ab Januar 2027 soll zusätzlich ein abschließendes Kompendium veröffentlicht werden, in dem die zentralen Handlungsempfehlungen des Forschungsprojekts gebündelt und für die praktische Anwendung aufbereitet werden.



















