Neues Einsatzkonzept der Berliner Feuerwehr

Wie wir künftig noch effektiver helfen wollen

Mit der wohl umfassendsten Reorganisation der Berliner Feuerwehr seit der Wiedervereinigung im Jahre 1990 wird die Schlagkraft der Hauptstadtfeuerwehr erhöht. Kern dieser Maßnahme ist die Optimierung der Einsatzfahrzeug- und Einsatzkräfteverteilung im Stadtgebiet. So sollen die Schutzzielvorgaben besser als bisher eingehalten werden. Im Rahmen der Umsetzung dieses neuen Konzeptes wird für die Einsatzkräfte nun endlich auch die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit auf 48 Stunden reduziert, wie es die Richtlinien der Europäischen Gemeinschaft schon seit Jahren vorschreiben. Bislang müssen die Berliner Feuerwehrleute noch bis zu 55 Stunden pro Woche arbeiten.

In der Öffentlichkeit wird das neue Einsatzkonzept der Berliner Feuerwehr bislang eher kritisch wahrgenommen. Dies ist nicht verwunderlich, denn es handelt sich um eine sehr komplexe Materie. Wir wollen hier versuchen, die Kernpunkte und Auswirkungen unseres neuen Konzeptes zu veranschaulichen.

Was sind "Hilfsfristen"? Wie lauten sie?

Der für die Feuerwehr politisch verantwortliche Senator für Inneres und Sport hat mit der Leitung der Berliner Feuerwehr im Jahre 2003 so genannte Schutzziele vereinbart. Darin werden u.a. die Hilfsfristen vereinbart. Das sind die Zeiträume innerhalb derer die Feuerwehr nach Eingang des Notrufes an der Einsatzstelle eintreffen muss. Dazu wurde das Berliner Stadtgebiet in zwei Unterschiedliche Schutzklassen ("A" und "B") aufgeteilt. Den Betrachtungen liegen die Postleitzahlbereiche zugrunde.

Notfallrettungsdienst

• Eintreffen eines geeigneten Fahrzeuges

• innerhalb von 8 Minuten nach Notrufeingang

• in 75 Prozent aller Fälle (Schutzklasse "A") bzw.

• in 50 Prozent aller Fälle (Schutzklasse "B")

Brandbekämpfung/Technische Hilfeleistung

• Eintreffen von 14 Einsatzkräften

• innerhalb von 15 Minuten nach Notrufeingang

• in 90 Prozent aller Fälle (Schutzklasse "A") bzw.

• in 50 Prozent aller Fälle (Schutzklasse "B")

Diese Festlegungen orientieren sich an den damaligen Ist-Zuständen. 

Was ist der Kern des neuen Einsatzkonzeptes?

Um künftig noch schneller und effektive Hilfeleisten zu können, weist das neue Einsatzkonzept die folgende Neuerungen auf:

• künftig 67 statt 64 Standorte der Berufsfeuerwehr

• künftig 18 statt 15 notarztbesetzte Fahrzeuge (plus Rettungshubschrauber Christoph 31)

• bessere Ausstattung der Feuerwachen in den Außenbezirken

• Abschaffung des "Springerbetriebes" (mit wenigen Ausnahmen)

• Anpassung der Zahl der Einsatzkräfte und –fahrzeuge an das Einsatzgeschehen durch unterschiedliche Besetzung am Tage und in der Nacht 

Was ist ein "Springerbetrieb"? Warum wird er abgeschafft?

In der Terminologie der Berliner Feuerwehr ist mit dem Begriff "Springerbetrieb" die Besetzung mehrerer Einsatzfahrzeuge mit ein und demselben Personal gemeint. Das bedeutet, dass z.B. Besatzungsmitglieder eines Löschfahrzeuges je nach Einsatzstichwort mit einem Rettungswagen ausrücken oder mit einem Tanklöschfahrzeug oder einer Drehleiter. Dieses Verfahren gibt es bei der Berliner Feuerwehr seit etwa den 1960er Jahren gibt und wurde in den 1980er Jahren mit dem sog. "Kreuzberger Modell" stark ausgedehnt. Mit dem Einsatzkonzept EK 99 wurde der Springerbetrieb noch weiter ausgebaut, sodass er sich heute mit nur wenig Übertreibung auf die Formel reduzieren lässt "jeder springt auf jedes Fahrzeug". Auf den ersten Blick ist der Springerbetrieb betriebswirtschaftlich sinnvoll, ermöglicht er es doch, dass eine große Anzahl verschiedener Einsatzfahrzeuge mit relativ wenig Personal besetzt werden kann.

In der Praxis hat sich der Springerbetrieb jedoch nur bedingt bewährt. Dazu ein fiktives Beispiel aus der Praxis: Die Feuerwache "Ranke" in Charlottenburg ist ausgestattet mit zwei Löschhilfeleistungsfahrzeugen, einer Drehleiter und zwei Rettungswagen mit insgesamt 14 Einsatzkräften. Dabei ist nur ein Rettungswagen fest besetzt. Zwei Einsatzkräfte des Löschhilfeleistungsfahrzeuges (LHF) "A" "springen" auf die Drehleiter, wenn diese benötigt wird. Zwei Einsatzkräfte des LHF "B" rücken mit dem Rettungswagen (RTW) aus, wenn der erste RTW im Einsatz ist und zeitgleich ein weiterer Rettunsgdiensteinsatz im Bereich der Feuerwache (FW) Ranke gemeldet wird. Damit vermindert sich natürlich die Besatzung des LHF "B". Wird nun zeitgleich auch noch ein Brand im Ausrückebereich der FW Ranke gemeldet, kann die FW Ranke nun nur noch mit zehn anstelle der geforderten 14 Einsatzkräfte (siehe Hilfsfristen) ausrücken, außerdem hat sie ja keinen Rettungswagen mehr, der aber zu einem Brand mit ausrücken muss. Folglich alarmiert die Leitstelle der Berliner Feuerwehr, bei der nicht nur alle Notrufe über 112 einlaufen, sondern von der aus auch alle Einsätze in Berlin koordiniert werden, ein LHF und einen RTW von einer benachbarten Feuerwache, z.B. Moabit. Von hier rücken nun das LHF und ein RTW in den Nachbarbereich der FW Ranke aus, was nicht nur zur Folge hat, dass nun in Moabit gar kein Löschfahrzeug mehr zur Verfügung steht (die FW Moabit hat nur ein LHF), sondern, dass zum Brand in Charlottenburg nun 16 oder (wenn das LHF der FW Moabit mit kompletter Besatzung ausrückt) sogar 18 Einsatzkräfte ausgerückt sind, obwohl nach der Schutzzielvereinbarung nur 14 Kräfte gefordert sind und nach aller Erfahrung meist auch nur benötigt werden. Was hier schon ziemlich kompliziert ist, ist in der Praxis meist noch viel komplizierter. Man stelle sich nur vor, parallel zum Brand in Charlottenburg kommt es nun auch noch zu einem Brand in Moabit, bei durchschnittlich 750 Einsätzen pro Tag sind solche Parallelereignisse keine Seltenheit. Dann müssten Kräfte von den Nachbarwachen Tiergarten, Wedding und Charlottenburg alarmiert werden, deren Einsatzfahrzeuge zum Teil ebenfalls im Springerbetrieb besetzt sind. Richtig kompliziert wird es bei Großeinsätzen. Wird z.B. ein Brand in einem U-Bahntunnel gemeldet, müssen nach der Alarm- und Ausrückeordnung der Berliner Feuerwehr 64 (!) Einsatzfahrzeuge alarmiert werden, die meisten davon sind im Springerbetrieb besetzt.

Doch nicht nur organisatorisch ist der Springerbetrieb höchst aufwändig und hinderlich. Er führt auch zu Überforderungen der Einsatzkräfte, die in einer 24-Stundenschicht manchmal bis zu vier verschiedene Einsatzfahrzeuge mit völlig unterschiedlicher Ausrüstung unter Extrembedingungen sicher bedienen sollen. Für den Einsatzleiter vor Ort ist zudem oft völlig unklar, mit wie viel Kräften das Löschfahrzeug, dass an seiner Einsatzstelle eintrifft, besetzt ist. All diese Nachteile haben nun zu dem Entschluss geführt, die Einsatzfahrzeuge (mit Ausnahme einiger weniger Sonderfahrzeuge) nicht mehr im Springerbetrieb sondern mit festem Personal zu besetzen.

Reduziert sich die Anzahl der Löschfahrzeuge und Rettungswagen?

Tatsächlich werden künftig statt bislang 62 Löschhilfeleistungsfahrzeuge nur noch im Schnitt 47,5 Fahrzeuge besetzt. Statt 91 Rettungswagen werden es künftig durchschnittlich noch 79 sein. Aber: Heute sind 98 Prozent der Löschfahrzeuge und 70 Prozent der Rettungswagen nur im Springerbetrieb besetzt, d.h. ihre Zahl hat nur auf dem Papier Gültigkeit, denn in der Praxis kann eine Fahrzeugbesatzung natürlich immer nur mit einem Fahrzeug gleichzeitig ausrücken, entweder mit dem Rettungswagen oder dem Löschfahrzeug. Die 47,5 Löschfahrzeuge und 79 Rettungswagen werden künftig fest besetzt und stehen damit tatsächlich auch parallel zur Verfügung. Weniger ist in diesem Fall also tatsächlich mehr!

Sind künftig nachts weniger Feuerwehrleute im Dienst als heute?

Gegenwärtig beträgt die Soll-Funktionsstärke der Berliner Feuerwehr 573. Es sind also jeden Tag planmäßig 573 Berufsfeuerwehrleute im Dienst, tags wie nachts. Die Betrachtung der Verteilung der Einsätze zeigt aber, dass tags über deutlich mehr Einsätze anfallen, als nachts. So wird die Feuerwehr im Schnitt zwischen 8.00 Uhr und 18.00 mehr als doppelt so viele Male alarmiert, als zwischen ein Uhr und sechs Uhr. Es sind also derzeit nachts mehr Feuerwehrleute im Dienst als eigentlich notwendig sind, während tags über Einsatzkräfte fehlen. Künftig werden tags über mehr Feuerwehrleute im Dienst sein, nämlich 602, während es nachts nur noch 540 sind. Eine Reduzierung der Berufsfeuerwehr in den Nachtstunden ist nicht zuletzt auch deshalb verantwortbar, weil dann die Verfügbarkeit der Freiwilligen Feuerwehren, z.B. bei Großeinsätzen, höher ist. Im Durchschnitt werden künftig 571 Feuerwehrleute im Dienst sein, also nicht nennenswert weniger als heute, sie sind nur den Zeiten in denen die Einsätze tatsächlich auch passieren, angepasst.

  • Anzahl DLK

  • Anzahl LHF

  • Anzahl LHF Funktionen

  • Anzahl Notarztfahrzeuge

  • Anzahl RTW

Warum werden Einsatzfahrzeuge von Innenstadtwachen abgezogen und Wachen am Stadtrand verstärkt

Die gründliche Analyse des Einsatzgeschehens der letzten Jahre hat gezeigt, dass der Erreichungsgrad der Hilfsfristen sehr unterschiedlich ist. In den alten Innenstadtbezirken ist die Dichte der Berufsfeuerwachen größer als an der Peripherie, d.h., die Ausrückebereiche sind kleiner. Das hat auch historische Gründe. Teilweise stammt die Festlegung der Wachstandorte noch aus einer Zeit, als die Feuerwehr mit Pferdefuhrwerken ausrückte. In den Berliner Außenbezirken sind die Abstände zwischen den einzelne Feuerwachen teilweise viel größer. Auch sind diese Wachen häufig mit weniger Personal und Fahrzeugen ausgestattet, da man sich in früheren Jahren bei der Verteilung der Einsatzmittel hauptsächlich nach der Zahl der Einsätze richtete, die in den Außenbezirken jedoch meist geringer ist als in der Innenstadt. Dies alles führte dazu, dass die Hilfsfristen in den Innenstädten von uns meist unterboten werden, während sie in den Randbezirken Berlins oft nicht eingehalten werden können. Durch eine Umverteilung von Einsatzfahrzeugen und –mitteln wird das Sicherheitsniveau für die Bevölkerung in den Außenbezirken also verbessert, ohne, dass sie sich in der Innenstadt nennenswert verschlechtert.

Inwiefern verbessert sich die rettungsdienstliche Versorgung durch das neue Konzept?

Der Notfallrettungsdienst ist mit einem Anteil von über 80 Prozent an den Gesamteinsätzen längst zur Hauptaufgabe geworden. Dieser Erkenntnis trägt auch das neue Einsatzkonzept Rechnung, in dem es z.B. vorsieht, dass wir künftig 18 statt bislang nur 15 Notarztfahrzeuge (einschließlich Rettungshubschrauber und Notarztwagen der Bundeswehr) einsetzen. Außerdem werden künftig auch in den Bereichen Rahnsdorf, Grünau und Lübars Rettungswagen der Berufsfeuerwehr stationiert.

Dient das Einsatzkonzept der Personaleinsparung?

Nein, im Gegenteil! Wie schon festgestellt, werden künftig so viele Feuerwehrleute im Dienst sein, wie bisher. Da mit dem neuen Einsatzkonzept auch die 48-Stunden-Woche eingeführt wird, benötigen wir sogar noch 75 Mitarbeiter mehr. In 2008 und 2009 werden jeweils 140 Brandmeister-Anwärter eingestellt. Übergangsweise werden 69 Rettungsassistenten und 120 Rettungsassistenten im praktischen Jahr beschäftigt.

Was ist bei Großeinsätzen oder Unwettern?

Extreme Einsatzlagen konnten auch bislang nicht von der Berufsfeuerwehr allein bewältigt werden. Bei Großeinsätzen und bei wetterbedingten Ausnahmezuständen werden wir, wie bisher, die ehrenamtlichen Kräfte der Freiwilligen Feuerwehren zur Unterstützung heranziehen. In besonderen Fällen ist die Unterstützung durch Feuerwehren aus dem Berliner Umland ebenfalls denkbar. Solche Einsatzlagen können aber nicht die Grundlage für unsere Einsatzplanung bilden, da sie seltene, unplanbare Ausnahmefälle sind.

Warum müssen Feuerwehrleute jetzt "nur" noch 48 Stunden pro Woche arbeiten?

Berliner Feuerwehrleute arbeiten heute überwiegend im  24-Stunden-Dienst und leisten dabei bis zu 55 Stunden pro Woche. Eine europäische Arbeitszeitrichtlinie schreibt aber bereits seit 1996 eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden vor. Lange Zeit war unklar, ob diese Regelungen auch für die Feuerwehr gelten. Nun ist gerichtlich geklärt, dass diese EU-Richtlinie auch auf Feuerwehrleute Anwendung findet. Demzufolge ist das EU-Recht nun auch bei uns umzusetzen. Alle Berliner Feuerwehrleute werden deshalb künftig überwiegend im 12-Stunden-Dienst arbeiten. Dem Mitbürger in Not kommt dies zu Gute, denn ausgeruhte Feuerwehrleute helfen besser.

Wann wird das neue Einsatzkonzept umgesetzt?

Die Umsetzung des neuen Einsatzkonzeptes erfolgt am 1. Februar 2008. Derzeit werden umfangreiche Personal- und Fahrzeugumsetzungen durchgeführt, Computerprogramme und Geschäftsanweisungen angepasst sowie viele noch offenen Detailfragen geklärt.

Warum kommen all diese Änderungen erst jetzt?

Einwohner- und Baustruktur prägen ganz wesentlich das Einsatzaufkommen und die Art der Einsätze für die Feuerwehr in einem Stadtteil. In dem Umfange, wie sich die Struktur Berlins in den vergangenen 15 Jahren gewandelt hat, haben sich auch die Anforderungen an die Feuerwehr verändert. Wir sind aufgerufen, uns auf diese Veränderungen einzustellen. Dazu wurden von uns tausende Einsatzdaten vergangener Jahre ausgewertet und diverse Verteilungsvarianten mit aufwendigen Simulationsprogrammen erprobt. Die Planungen des neuen Einsatzkonzeptes haben bereits 2005 begonnen und sind noch nicht gänzlich abgeschlossen. Immer wieder gibt es auch jetzt noch in Details Korrekturen, auch aufgrund von aktuellen Erkenntnissen aus jüngsten Datenerhebungen. Mit dem neuen Einsatzkonzept wird die Berliner Feuerwehr für die nächsten Jahre sehr gut aufgestellt sein. Natürlich werden aber auch nach der Einführung kontinuierlich Einsatzdaten erhoben und ausgewertet. Die Erkenntnisse dieser Auswertungen werden in eine schnelle Anpassung des Einsatzkonzeptes an die weiteren Veränderungen der äußeren Bedingungen einfließen.